Modifikationen
Modifikationen sind Änderungen im Erscheinungsbild durch
Umwelteinflüsse. Sie sind eine weitere Ursache der Variabilität (vgl. Evolutionsfaktoren),
haben jedoch keinen Einfluss auf die Evolution, da das Erbmaterial gleich
bleibt.
Trennt man eine junge Löwenzahnpflanze in der Mitte und lässt beide
Hälften in unterschiedlichen Umgebungen aufwachsen und zwar die eine
Hälfte im Bergland, die andere Hälfte im Flachland, so sieht man
deutliche Unterschiede in der Entwicklung der beiden Pflanzen. Der
Berglöwenzahn erscheint verkümmert. Er besitzt nur kurze Blätter und
Stiele, dafür hat er jedoch extrem lange Wurzeln. Der Wiesenlöwenzahn
hingegen hat lange Blätter und Stiele, besitzt jedoch kurze Wurzeln.
Diese erheblichen Unterschiede im Phänotyp treten auf, obwohl beide
Pflanzen denselben Genotyp besitzen.
Anhand dieses Beispiels ist zu erkennen, dass Organismen in bestimmten
Phasen durch Umwelteinflüsse äußerlich, d. h. im Phänotyp
veränderlich sind, und ihr Erscheinungsbild nicht nur durch Erbfaktoren
bestimmt wird.
Diese Fähigkeit auf Umweltfaktoren zu reagieren, nennt man
Modifikabilität.
Diese Fähigkeit besitzt auch das Pantoffeltierchen (Paramecium) in
bezug auf die Größe.
Eine Pantoffeltierchenpopulation lebt in einem Aquarium mit faulender
Flüssigkeit. In einem Versuch, in dem man eine Population sich nur aus
einem einzigen Pantoffeltierchen entwickeln lässt, besitzen alle
Individuen der Nachkommenschaft das gleiche Erbgut, da Pantoffeltierchen
sich durch mitotische Teilungen vermehren. Bestimmt man nun die Länge der
einzelnen Individuen dieser Nachkommenschaft, so erhält man trotz des
gleichen Genotyps aller Individuen erhebliche Unterschiede in Bezug auf
die Zellgröße (Länge).

In diesen Aquarium herrschen verschiedene Umwelteinflüsse,
wachstumshemmende und wachstumsfördernde. Die Extremwerte erklären sich
dadurch, dass die besonders großen bzw. kleinen Pantoffeltierchen
entweder nur wachstumshemmenden (Größe ca. 136um) oder nur
wachstumsfördernden Umwelteinflüssen ( Größe ca. 200um ) ausgesetzt
sind. Da jedoch die meisten Individuen sowohl günstigen als auch
ungünstigen Faktoren unterliegen, sind die Tiere mittlerer Länge am häufigsten.
Wachstumsfördernde Faktoren sind unter anderem gedämpftes Licht, eine
gleichbleibende Temperatur und ein PH-Wert von 7-8, wachstumshemmende
Faktoren sind u.a. grelles Licht und ein dürftiger Sauerstoffgehalt.
Dies zeigt uns auch die Grafik. Beim Mittelwert existieren die meisten
Paramecien, zu den Extremwerten hin fällt die Anzahl der Tiere
kontinuierlich ab. Die Zellgröße ist normalverteilt.
Dieser Versuch zeigt, dass die Modifikationsbreite genetisch festgelegt
ist, d. h., eine Körperlänge von 136 µm bis zu 200 µm. Diesen erblich
festgelegten Bereich bezeichnet man als Reaktionsnorm.
Wählt man nun das kleinste (größte) Individuum als Ausgangstierchen
für eine neue Population aus, so erhält man unabhängig von dessen
Größe in der Nachkommenschaft wieder dieselbe Verteilung der
Zellgrößen wie oben angebildet.
Modifikationen sind also nicht erblich, sonst würden alle Individuen
der Nachkommenschaft besonders klein (groß) werden, nur die Modifikationsbreite
ist erblich!

