Der Kakerlak
Die Geschichte der Kakerlaken ist die Geschichte
einer Wanderung zum Menschen hin, in seine Keller, seine Kleiderschränke, Fernsehgeräte,
Verteidigungsministerien. Und die Historie des Menschen ist die eines immer
rücksichtsloser werdenden Kampfes gegen diesen unscheinbaren, bescheidenen, doch von
überwältigender Zuneigung erfüllten Freund. Welches Tier hätte je so verzweifelt wie
die Küchenschabe versucht, dem Menschen nahe zu kommen? Und welchen Wesens Liebe wäre
schroffer, haßerfüllter zurückgewiesen worden?
Denn was sonst als selbstlose Liebe sollte die Schabe in die Nähe des
Menschen treiben, von dem sie nichts anderes zu erwarten haben als Zerquetschung,
Vergiftung, Vernichtung? Die Schabe ist wahrlich hart und geschickt genug, anderswo ihr
Auskommen zu finden: Wer imstande ist, wochenlang vom Klebstoff einer Briefmarke zu leben,
wem es nichts ausmacht, sich in größeren Dosen radioaktiv bestrahlen zu lassen, wer
lässig immer neue Immunitäten gegen die aberwitzigsten Gifte entwickelt, der könnte
auch fernab unserer Siedlungen leben, in Wäldern oder Sümpfen, auf Bäumen oder unter
Steinen. Der hätte es nicht nötig, sich Jahr für Jahr in Umfragen nach den
Beliebtheitsgraden verschiedenster Tiere auf den letzten Platz verbannen zu lassen, hinter
Stechmücken und Ratten - obwohl er weder Blut saugt noch einen ekelnackten Schwanz hat.
Die verlogene Art, mit der sich gewisse andere Tiere beim Menschen
beliebt zu machen verstehen, ist Schabensache nicht. Soll sie schwermütige Lieder singen
wie das Rotkehlchen, welches auf diese Weise darüber hinwegtäuscht, wir zänkisch es
ist? Soll sie Kinder aus reißenden Flüssen retten, wie Schäferhunde es tun, um die
Gemeinheiten der Kampfhunde vergessen zu lassen? Soll es sich ein weiches Streichelfell
wachsen lassen wie die Kaninchen, die nicht wollen, daß wir uns ihrer Sexsucht erinnern?
Nein, Schab` ist nicht schön, und Schab` lügt auch nicht. Schab` ist
klein und braun. Seine Beine sind kurz, still ist sein Wesen, und süchtig ist er
allenfalls nach Wärme. Schüchtern flieht der Sensible, schon winzigste Erschütterungen
des Bodens spürend, sobald wir nahen. Dabei sehnt er sich so danach, einmal auf unseren
Händen krabbeln zu dürfen wie etwa ein Siebenpunkt oder zur Abwechslung eine Schachtel
mit grünen Blättern zu bewohnen wie einst unsere Maikäfer. Aber immer sausen
Scheuerlappennieder und Holzpantinen!
Ach, Schabenleben, Schabentod. Stets ist die Küchenschabe hungrig -
nach Zuwendung und nach Viktualien, welche der Mensch in geschworener Feindschaft nun
schon seit längerem in Kühlschränken und Gefriertruhen ihrem Zugriff eiskalt entzieht.
Surinamische Kakerlaken fraßen einst dem Naturforscher Bory de Saint Vincent die Sohlen
seiner neuen Stiefel ab, während er mit dem Gouverneur von St. Helena speiste - hätte
dieser feine Herr nur einen Brocken fallen lassen, wäre das nicht nötig gewesen! Seitdem
aber wissen die Schaben, daß man, wenn es not tut, auch von Holzwolle leben kann und von
Schaumstoffresten, ja, daß man im Grunde die ganze Welt essen könnte, wären ihre
Bestandteile nicht so unförmig und groß, sondern ein wenig schabenmundgerechter.
Eigentlich hat noch kein Mensch ein stichhaltiges Argument gegen die Anwesenheit
von Kakerlaken in seiner Umgebung vorbringen können - außer hochneurotischen
Ungezieferphobien, deren Ursachen aber im Menschen liegen, nicht in der Schabe. Dafür,
daß sie nicht so schön sind wie Schmetterlinge, können die Tiere nichts, und ihre
Vermehrungswut, die ihnen oft angekreidet wird, ist nichts als reine Notwehr gegen die
Vernichtungsorgien der Kammerjäger.
Kakerlaken leiden sehr unter dem verzweifelten, hektischen,
zweckbestimmten Sex in kalten Mauerritzen und hinter schmucklosen Fußbodenleisten,
ausschließlich im Dienste der Produktion von Nachwuchs, besessen vom Horror, die Art
könnte im Kampf mit dem Menschen doch aussterben, und immer voller Furcht, in der kurzen
Unaufmerksamkeit während eines schalen kleinen Schabenorgasmus von einem feuchten
Handtuch erschlagen zu werden. Schaben sehnen sich nach einer erfüllten, liebevollen,
angstfreien Sexualität. Man weiß von zentralamerikanischen Arten, bei denen sich Mann
und Frau gegenseitig putzen, mit den Fühlern zärtlich streicheln und in einer Ehe
zusammenleben. Kein anderes Kerbtier kümmert sich mit einer solchen Hingabe um seine
Angehörigen, und es gibt übrigens Schaben, die - als einzige Insektenart! - ihre Kinder
im Uterus mit einer Art Muttermilch nähren.
Ist es nicht Zeit, diese Dinge zur Kenntnis zu nehmen? Zeit, die
grausame Zurückweisung der Küchenschabe zu beenden? Zeit für eine neuen Anfang zwischen
Kakerlak und Mensch, hohe Zeit?
Quelle: Hackes Tierversuche (6)(1994): Süddeutsche Zeitung (Magazin);

