Fluktuationsexperiment von LURIA und DELBRÜCK
Sowohl Lamarck als auch Darwin gehen in ihren Theorien von einer
Anpassung der Individuen an ihre Umwelt aus. Beide gehen in ihren Theorien
von einer Veränderung der Umwelt aus.
In Lamarcks Theorie passen sich die Individuen aktiv einer
veränderten Umwelt an.
Darwin hingegen betont, dass bereits zufällig angepasste Individuen
in der veränderten Umwelt überleben und sich bevorzugt fortpflanzen.
Lebensraum und Nahrung sind begrenzt und somit sorgt die Konkurrenz für
eine natürliche Auslese. Dieser Umstand bewirkt, dass die am besten
angepassten Individuen überleben und ihre Erbanlagen für die vorteilhaften Eigenschaften an
die Folgegeneration bevorzugt weitergeben können.
Da sich Darwin und Lamarck in ihren
Grundgedanken unterscheiden, stellt sich die Frage, welche der beiden
Theorien richtig ist.
Das Experiment von Delbrück und Luria (1943)
beantwortet diese Frage.
Versuchsbeschreibung:
Eine stark verdünnte Bakterienkultur wird auf zwei Reagenzgläser
verteilt, so dass jedes Gefäß in etwa die gleiche Anzahl an Bakterien enthält.
Der Inhalt des ersten Glases wird sofort in 50 gleichgroße Portionen in
50 neue Reagenzgläser gefüllt, die zusammen mit dem zweiten Reagenzglas
zwecks Vermehrung der Bakterien für 24 Stunden in einen Brutschrank bei
37° Celsius warmgehalten werden.
Danach werden die 50 Portionen auf 50 Gelatineplatten übertragen, die
ein Antibiotikum, das Streptomycin, enthalten (Versuch I).
Bemerkung: Das Antibiotikum Streptomycin tötet in der Regel Bakterien
ab.
Der Inhalt des zweiten Reagenzglases wird erst jetzt in 50 Portionen
aufgeteilt, indem er auf 50 streptomycinhaltige Platten verteilt wird (Versuch II).
Bemerkung: Die Bakterien sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Bei
großer Bakterienanzahl sind sie jedoch als Flecken zu erkennen, da sie
Kolonien bilden; eine Kolonie stammt jeweils von einer überlebenden,
streptomycinresistenten Bakterienzelle ab.
Versuchsauswertung
Das Antibiotikum Streptomycin stellt die Umweltveränderung
für die Bakterien dar. Die Anpassungsleistung ist die Resistenz gegen das
Antibiotikum.
Da in allen 50 Reagenzgläsern des 1. Versuches die gleichen
Bedingungen bestehen, wäre nach Lamarck zu erwarten gewesen, dass sich auf
allen 50 Platten in etwa gleich viele resistente Bakterienkolonien bilden,
da sich die Bakterien nach Lamarck aktiv an die veränderte Umwelt
anpassen müssten. Dies ist jedoch nicht der Fall, womit Lamarcks Theorie
widerlegt wird.
Die stark schwankende Anzahl der Bakterienkolonien lässt sich hingegen
gut mit Darwins Theorie erklären. Die Resistenz der Bakterien entwickelt
sich in zufälliger Weise vor der Veränderung der Umwelt, d. h., bevor
die Bakterien mit dem Antibiotikum in Kontakt kamen. Man spricht von Präadaption.
Die Anzahl der resistenten Bakterienkolonien hängt sehr davon ab, wann
die Mutation zur Resistenz aufgetreten ist. In einigen Reagenzgläser
bildeten sich früher resistente Bakterien als in anderen. Je früher
diese Resistenz auftrat, desto größer ist die Anzahl resistenter
Kolonien auf den Gelatineplatten mit Streptomycin. Trat die Mutation erst
gegen Ende der 24-stündigen Bebrütung auf, so werden nur sehr wenige Bakterien resistent
sein, die aus diesem Reagenzglas ausplattiert wurden.
Das Ergebnis des zweiten Versuchs entspricht in etwa der zu erwartenden
zufallsmäßigen Gleichverteilung resistenter Bakterien aus dem zweiten
Reagenzglas.


Julian Schäfer, M. W. Feb. 2003